Dienstag, Mai 04, 2010

Kultur Monographie Eckernfoerde: János Darvas



János Darvas
Geboren 1948 in Budapest. Aufgewachsen in Wien.
Studium der Philosophie in Paris
Seit 1972 als Lehrer an Waldorfschulen in Frankreich, der Schweiz und in Deutschland tätig.
Von 1995 bis 2005 fachlicher Leiter des Instituts für Waldorfpädagogik in Solymár/Ungarn. Zur Zeit Lehrer an der Freien Waldorfschule Eckernförde, Fächer Kunstgeschichte und Ethik, sowie als Gastdozent und Vortragender.
Korrespondent der Wochenschrift "Das Goetheanum" und Autor bei "Info3" sowie bei anderen Zeitschriften. Zahlreiche Artikel zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen und spirituellen Themen.
 
Buchpublikation:
"Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit." Frankfurt 2009 Info3 Verlag.
Lyrik in privater Vervielfältigung
János Darvas ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Söhnen.

Erstveröffentlichungen auf KME: Texte, Gedanken, Gedichte ...
Inhalt Aufsätze
Gedichte
Kurzgeschichten
Übersetzungen

Leseprobe 1

"Der große ungarische Dichter Attila József  hat 1935 ein wunderbares Gedicht verfasst, das die folgende Strophe enthält:

Mein Führer führt mich von meinem Innen her!
Menschen, nicht Freiwild –
Geister sind wir! Unser Herz ist, solange Sehnsucht reift,
kein Eintrag in einer Kartei.
Komm, Freiheit! Gebäre du mir Ordnung,
mit gutem Wort belehre – und lass spielen –
deinen schönen, ernsten Sohn!
Mitten in der Zeit des heraufziehenden Faschismus ruft da einer auf, die Verdinglichung des Menschen, seine Fremdbestimmung und seine Entwürdigung von innen her zu überwinden. Freiheit: ein fruchtbringendes Wesen! Freiheit: Ausgangspunkt menschengemäßer Weltgestaltung! Man ahnt, dass hier nicht bloß der subjektive Individualismus einer Dichterseele aufbegehrt. Hier spricht eine Wirklichkeit, die auf soziale Impulse verweist. Das Nicht-Beachten dieser Wirklichkeit bringt Scheinordnungen hervor, die wachsendes Chaos bloß verschleiern können. Józsefs Worte gehen weit über Zeitgeschichte und Politik im engen Sinne hinaus. Sie zeugen von einem Kampf, der um spirituelle Menschheitsziele geführt wird, mitten im Feld des Sozialen.   
Dass eine geschichtliche Phase des europäischen Wohlfahrtsstaates zu Ende geht, liegt auf der Hand. Dass die Dynamik einer bestimmten Weise zu Wirtschaften sich zentrifugal von den bisher erkämpften Sozialstandards abkoppeln will, ist ebenso offensichtlich. Regierungen und Konzerne appellieren zunehmend an die Eigenverantwortung der Menschen als Bürger und als Arbeitende. Das läge auf der Linie der Freiheit, würde nicht der Blick dauernd auf ein reduziertes Ziel gelenkt werden, das letztlich Wenigen profitabel ist und für Viele Unfreiheit bedeutet. Was bliebe, ist der Mensch als Freiwild für Konzerne, die Arbeitsplätze wegrationieren, ist der Mensch als Karteieintrag bei Behörden, die Millionen Nicht-Beschäftigte verwalten."
Aus "Die Umgestaltung der Sozialsysteme. Ein Kampf um Europas spirituelle Identität"  Das Goetheanum, 83.Jg., 2004, Nr.47, S.1

Leseprobe 2
Das Ringen um  intuitives Denken ist in einem Bericht des jung verstorbenen islamischen Philosophen Shihāboddīn Yahyā Sohrawardī (1155-1191), auf den die Bewegung  der Ishrāqīyun, der „orientalischen Theosophen“, zurückgeht, eindringlich dargestellt worden . In seinem „Buch der Erhellungen“ schildert er, wie ihm während eines Lebensabschnittes voller verzweifelter Bemühungen  um Fragen der höheren Erkennens eine Geistbegegnung zuteil wird. Eines Nachts, in einem Zustand  zwischen Wachen und Schlafen, erscheint ihm Aristoteles, des Primus Magister aller Philosophen, als Geistgestalt, gehüllt in überirdische Freude und Schönheit. „Komm zu dir selbst“ spricht der Meister, „und die Schwierigkeit wird sich lösen.“  Es folgt ein Gespräch, in dem ihm Stück für Stück Wege höherer Selbsterkenntnis dargelegt werden. Er lernt zu begreifen, dass Selbsterkenntnis nicht bloß eine Erkenntnisart neben anderen ist, sondern dass sie letztendlich jeder anderen Erkenntnis zu Grunde liegt. Und im intuitiven Selbsterkennen tut sich  nichts anderes Kund als das Wesen der Seele selbst: ihr  existentielles, innerstes Ich (anā’iyat). Es ist Leben, Licht, Epiphanie, Selbstbewusstsein. Es liegt jenseits eines Denkens, das sich auf  Vorstellungen stützt,  ist Gegenwartsbewusstsein, Einheitsbewusstsein, intuitives Bewusstsein: Erleuchtung im Morgenlicht gesteigerter Gegenwärtigkeit.
Aus: Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit. Kapitel: Islamische Theosophie S.122/23

Zum Buch (Klappentext) : "Das Gespräch zwischen den Religionen ist heute notwendiger denn je. Dieses Buch zeigt, dass über gegenseitige Toleranz hinaus ein Dialog umso mehr gelingen kann, als nicht über festgelegte Formen gesprochen wird, sondern über nachvollziehbarfe Erkenntnisprozesse und zentrale spirituelle Erfahrungen des Göttlichen, die in den Religionen unterschiedliche Ausdrucksweisen finden. Die vorliegende Arbeit bringt in diesem Sinne vor allem Judentum, Christentum und Islam sowie den Buddhismus miteinander in Beziehung.

Der Autor scheint für solche Dialoge prädestiniert: biographisch und spirituell im Judentum und in der Anthroposophie Rudolf Steiners beheimatet, ist János Darvas vor allen Dingen ein universalistisch orientierter, lebenslang lernender Wanderer durch vielfältige spirituelle Landschaften, der persönliche Kontakte zu den großen Weltreligionen pflegt.
In seinem Buch zeigt er, wie Anthroposophie - eine zeitgenössische "Weisheit des werdenden Menschen" aus überkonfessionellem Selbstverständnis heraus Brücken zwischen den Traditionen schlagen kann, sich aber dabei auch selbst weiterentwickeln muss."

Gedichte


    Al tiqra
Al tiqra harut ele herut
Lies nicht „eingraviert“, lies „Freiheit“
(Talmud. Mischna Avot)

Nicht lies: „eingraviert“,
    lies: Freiheit.

    Das Zaumzeug
    ist nicht das Pferd
    das Pferd nicht der Reiter
    der Reiter nicht der Herr.

    Dort die Freiheit, wo du in dir über dir stehst.
    Dort das Gesetz, wie es durch dich waltet -
    über dich hinaus.


In Fernen jagten tolle Träume...
In Fernen jagten tolle Träume über Seen, als ob in heil’gem Norden weite Fichtenmeere von Mitternacht und Sonnenstürmen Trost erhielten;
Ein Wehen und ein Singen vor verschlossnen Schreinen, grau und grimmige Reliquienkästen abergestriger Gelübde;
Tobend in der Stille standen Schatten auf und gingen nieder wie zu Staub zerspellt, zerstiebend;
So tobte abends hin und her die tolle Sorge wirrend nach den Schätzen ungezählter Zeiten, und war nur Fluch und Schein und falscher Ziele Ausgeburt und Hindernis am Wachsen;
In Fernen jagten tolle Träume über Seen und riesig jagten Siegesstürme sie zum Meer im Norden;
Wie goldnes Fließen schwamm es dann im Sog der Sonnenscheibe tief am Horizont und zog die Träume himmeleinwärts...

Die nahe Wärme Ungeborgenheit umhüllte mählich unsre Leiber zwischen Meer und See;
Wir gingen wo allein der Schritt die Schritte hütet, wo “heimwärts” grenzenlos im Schoß der Dinge ruht.


Sieben Monde

Ich zähle die Steine am Weg
zur Klause des Todes.
Mein Herz friert,
meine Stimme erstickt.

Ich habe geschworen
die Ruhe im Rucksack zu wahren.
Ich habe geschworen
Augen und Ohren
offen zu halten.

Schon nach einigen Meilen
hören wandernde Füße zu schmerzen auf.
Schon nach einigen Wochen
Sind Haube und Haupt eine heitere Einheit.

Sieben Monde
Zwölf Sonnen
Hundertmillionen Sternschnuppen.
Frühstück am Fluss mit Klausner Tod.

Kein Makel.


(c) und verantwortlich:
János Darvas
Schleswiger Str.
24340 Eckernförde
janos.darvas@freenet.de

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